Hürden beim Spracherwerb

Prof. Josef Leisen verstand es mit seinem Vortrag, das Publikum für seine Thesen zu begeistern.

Detmold (pm). „Wer nie Deutsch gelernt hat, macht sich keinen Begriff, wie verwirrend diese Sprache ist.” Mit diesem Mark-Twain-Zitat eröffnete Prof. Josef Leisen seinen vom Kommunalen Integrationszentrum des Kreises Lippe organisierten Vortrag zum sprachsensiblen Fachunterricht. Über 100 interessierte Lehrer folgten den Ausführungen in der Mensa des Dietrich-Bonhoeffer-Berufskollegs in Detmold.

Mit diesem Blick eines Amerikaners auf die deutsche Sprache, der unter anderem an den im Englischen unbekannten Fällen, der unlogischen Zuordnung der Geschlechter sowie an langen zusammengesetzten Hauptwörtern und vor allem an der Verbstellung verzweifelt, schärfte der ehemalige Seminarleiter den Blick für die Hürden beim Spracherwerb und damit auch der Fachsprache.

Die Heterogenität des Sprachstandes innerhalb einer Klasse umfasste Leisen mit „jeder von Ihnen hat eine bunte Mischung von Sprachlernbedingungen“. Diese ergebe sich aus der sprachlichen, fachlichen und kulturellen Heterogenität. Das müsse von den Lehrern realisiert werden.

So sei es wichtig zu lernen, die Aufgaben mit den Augen der Schüler zu sehen und entsprechend anzupassen. „Wer scheitert woran, das muss ich diagnostizieren“, so sein Credo. Die unerlässliche Reaktion sei es, wie Leisen weiter ausführte, mit unterschiedlichen, angemessenen Materialien und Aufgaben den entsprechenden Sprachständen zu begegnen, damit die Schüler weder über- noch unterfordert würden. Die kalkulierte Herausforderung ermögliche den gewünschten Lernerfolg.

„Das Teuerste sind Rückrufaktionen – auch im Unterricht“. Entgegen den Vorurteilen spare eine den Leistungen der Schüler angemessene Verwendung von Sprache Zeit. Gerade zusätzliche Erklärungen oder spontane Wortschatzerweiterungen seien die wahren Zeitdiebe, nicht die Vorbereitung individualisierter Materialien.

Mit derselben Vehemenz, mit der Leisen herausstellte, dass die Fachlehrer nicht für den Deutschunterricht verantwortlich seien, betonte er „das Verstehen im Fach gehört in die Hand des Fachlehrers.“ Das fachbezogene Lesen und Schreiben könne nur der Fachlehrer vermitteln, da nur diese über die spezifischen sprachlichen Anforderungen beispielsweise des Physikunterrichts im Bilde seien.

Mit dem Blick auf die Schüler mit Migrationshintergrund machte Leisen den geringen Wortschatz als ein Hemmnis für den Erwerb der Fachsprache aus. Es sei gerade die doppelte Halbsprachigkeit, bei der auch die Herkunftssprache nicht vollständig beherrscht werde, die den schulischen Erfolg verhindere. „Eine gut ausgeprägte Familiensprache ist die beste Basis für das Erlernen einer Fremdsprache“, so sein Fazit.